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Copyright: Diese Geschichte darf nicht ohne mein Einverständnis veröffentlicht werden Anna Eine Geschichte über ein armes Mädchen, das in einem Slum wohnt und furchtbares über sich ergehen lassen muss.
Meine Hände klammerten sich an das Geländer der Brücke. Unter mir fuhren unzählige Autos durch. Es war ein kalter, düsterer Tag im Oktober. Es regnete stark und meine Schulbluse war durchnässt. Ich zitterte. Mir war am ganzen Körper kalt, die Haare hingen mir ins Gesicht und meine Finger waren schon ganz steif. Viele Gedanken schwirrten in meinem Kopf umher. Sollte ich springen? Sollte ich alles hinter mir lassen und mich einfach fallen lassen? Es ist so einfach, sagte ich mir immer wieder, du musst nur loslassen. Ich blickte wieder über das Geländer der Brücke. Warum schaffte ich es nur nicht? Es war tief und es hatte viele Autos unten, dass ich nicht überleben konnte wenn ich sprang, war mir klar. Warum lebte ich überhaupt? Es war doch alles sinnlos. Doch anstelle von loslassen klammerten sich meine Finger nur noch mehr an das Geländer. "Ich muss loslassen!" , versuchte ich mir verzweifelt zu sagen, doch es ging einfach nicht. Ich dachte an meine Schwester Carol, an meine Mum. Ich war noch nie richtig glücklich gewesen, wir zogen vor etwa fünf Jahren hierher. Es war schrecklich, es war schmutzig, es war eben ein Armenviertel, ein Slum, Mitten in der Hauptstadt von England. Hier prügelten sich tagtäglich Kinder, bettelten, nahmen Drogen. Meine Gedanken schweiften wieder zu Carol. Sie war vierzehn Jahre alt, sah jedoch aus wie fünf, war klein, dünn und konnte weder sprechen, noch dachte ich, dass sie etwas verstand. Sie war eben behindert. Meine Mutter hatte es nie verkraftet, dass sie ein behindertes Kind bekommen hatte, sie kümmerte sich nicht um sie, genau so wenig wie sie sich um mich kümmerte. Mein Dad lebte nicht mehr bei uns, er hatte eine andere Frau geheiratet und Mum allein gelassen. Doch sie hatte ja Larry, ihren neuen Freund. Er schlug sie, machte dumme Witze über Carol und belästigte mich. Ich glaubte, seit wir hier wohnten, war meine Mutter irgendwie geistig gestört. Sie sass den ganzen Tag auf dem Stuhl im Wohnzimmer und starrte vor sich hin. Plötzlich schoss mir einen Gedanken durch den Kopf: Was würde mit Carol geschehen, wenn ich springen würde? Ich stellte sie mir vor, einsam, ausgehungert und geschwächt auf dem Boden liegend und plötzlich rannen mir tränen über die Wangen. Ich schaute ein letztes mal über das Geländer, strich mir die Haare aus dem Gesicht und schwang meine Beine über die Mauer. Dann stand ich da, auf der schmutzigen Strasse und starrte durch verschwommene Augen die Strasse hinauf. Ich zitterte am ganzen Körper, meine dünnen Beine schlotterten in den zerschlissenen Jeans und meine Hände waren schon ganz blau vor Kälte. Durch den strömenden Regen lief ich nach Hause. Meine Tränen vermischten sich mit dem Regen und nur ein Gedanke beherrschte mich: Ich hatte versagt. Wieder einmal. Ich war feige.
Mit langsamen schritten ging ich die Treppe hinauf. Sie knarrte und es roch stark nach Alkohol und Moder im Treppenhaus. Leise drückte ich die Türklinke herunter und öffnete die Türe. In der düsteren Diele erblickte ich Carol, sie sass da und weinte. "Wo ist Mum?", fragte ich sie, doch sie antwortete mir nicht. Immer noch zitternd ging ich in den kleinen Raum neben der Küche. Ich war aufs Schlimmste gefasst. Doch Mum sass da und starrte vor sich hin, wie immer. Sie schaute nicht einmal auf, als ich sie fragte, ob Larry heute dagewesen sei. Ich sagte ihr, dass ich Carol versorge und nachher ins Bett gehe. Doch auch darauf sagte sie nichts. Ich drehte mich um und ging in die Diele zurück. Überall roch es nach Alkohol und überall lagen Kieselsteine, mit denen Carol gespielt hatte, zwischen alten Turnschuhen und Essensresten herum. Ich nahm Carol an der Hand und ging mit ihr zurück in die Küche, die zugleich als Badezimmer diente. Wir hatten keinen Backofen oder Herd, es gab nur eine Spüle und ein alter Kasten indem wir das Essen aufbewahrten. Daraus nahm ich ein kleines Stück altes Brot, einen Teller und eine Flasche Milch, die schon lange abgelaufen war. Ich goss die Milch über das Brot und stellte den Teller Carol hin, die auf dem Boden sass, denn einen Tisch gab es bei uns nicht, auch keine Stühle. Auf dem Boden lagen nur ein paar alte Kissen und eine zerrissene Wolldecke. Nachdem Carol gegessen hatte legte sie sich auf den Boden und schlief ein. Ich ass ein Stück Brot, das eher nach Schimmel schmeckte, als nach Schwarzbrot. Mir war übel, doch das war ich mir gewöhnt. Leise, um Carol nicht zu wecken, schlich ich in mein Zimmer, das eigentlich die Abstellkammer war. Es war ein kleiner, düsterer Raum, indem eine alte Matratze auf dem Boden lag. In einer uralten Kommode hing ein Schulrock, ein kurzer, schwarzer Minijupe und ein beiges Top. Auf dem Boden lag meine zerknitterte Schulbluse. Neben meiner Matratze stand ein kleiner klappriger Tisch, auf dem ein Wecker lag, den ich einmal von meinem Vater bekommen hatte. Er funktionierte zwar noch, aber ich war mir nicht sicher, ob es wirklich erst halb sechs war. Draussen regnete es jetzt stärker und durch undichte Stellen an meiner Zimmerdecke drang Regenwasser. Ich streifte mir die Turnschuhe ab und zog mir meine durchnässten Jeans aus. In einer Ecke lag, säuberlich zusammengelegt, eine Wolldecke. Mein Zimmer war das ordentlichste von allen. Überall im Haus lagen Whiskyflaschen herum, Kieselsteine, die Carol hineingeschleppt hatte, Essensreste und alte Schuhe. Auch der Teppich den ich einmal in der schule geflickt hatte, war nicht mehr rot, sondern hatte eine eklige graubraune Farbe angenommen. Ich legte mich auf die Matratze und zog die Wolldecke bis über die Nase hinauf. Ich fror, doch ich war froh, wenigstens eine Matratze und eine Wolldecke zu haben und nicht wie Carol auf dem Küchenboden schlafen zu müssen. Wo meine Mutter schlief, wusste ich nicht. Sie sass den ganzen Tag da und starrte, vielleicht wartete sie auf Larry. Ich hatte noch nie gesehen, dass sie etwas ass oder etwas anderes tat als dasitzen. Sie trug immer eine ausgebleichte Jeans und ein T-Shirt, das ihr viel zu gross war. Ihr braunes Haar hatte sie mit einem Gummiband zurückgebunden. Ich glich ihr überhaupt nicht. Ich hatte schwarzes Haar und graugrüne Augen. Ich war klein und sah viel jünger aus als ich war. Carol hatte dunkelblonde haare und grüne Augen, so stand es jedenfalls in meinem Ausweis und mein Lehrer, den ich gefragt hatte, hatte das bestätigt. Ich habe mich schon oft gewundert, warum ich Carol nicht ähnlich sah, vielleicht hatten wir nicht den gleichen Vater. An Daddy kann ich mich nicht mehr gut erinnern, ich wusste nur noch, dass er schwarzes Haar hatte und dunkle Augen hatte. An diesem Abend konnte ich lange nicht schlafen. Als ich am Morgen vom schrillen läuten des Weckers geweckt wurde, war meine Wolldecke ganz nass. Die Matratze war auch durchnässt, es musste wohl hineingeregnet haben. Auf dem Boden hatten sich Pfützen vom Regenwasser gebildet und meine Schulbluse war feucht. Ich schaute durch die kleine Luke im Dach. Es hatte aufgehört zu regnen, doch es war bestimmt sehr kalt. Ich zog mein triefendes T-Shirt aus und die ausgebleichte und feuchte Schulbluse an. Danach zog ich mir den Rock an und ging in die Küche. Carol schlief immer noch. Vorsichtig drehte ich den Wasserhahn an und wusch mir mit dem verschmutzten Regenwasser das Gesicht. Dann fuhr ich mir mit den Fingern ein paar mal durch meine nassen haare und trank ein Glas Milch. Sie schmeckte bitter, doch auch das war ich mir gewöhnt. Ich nahm meine Schulbücher und packte sie in die Tasche, die ich auf dem Müllhaufen gefunden hatte. Sie war zwar etwas schmutzig und hatte ein paar Löcher, doch für mich war sie sicher gut genug. Dann machte ich noch das Frühstück für Carol und schaute nach meiner Mutter. Sie sass immer noch auf dem Stuhl in dem Wohnzimmer und starrte vor sich hin. Ich fragte sie, ob Larry heute komme, aber sie blieb stumm. Ich sagte ihr, dass ich Carol das Frühstück schon gemacht hatte, doch auch darauf sagte sie nichts. Danach nahm ich meine Tasche und ging zur Schule. Die schule war ein altes Gebäude am Ende der Shortstreet, unserer Strasse. Wir hatten nur einen Lehrer, der uns ein wenig Mathe und Deutsch beibrachte. Auf diese schule gingen alle Kinder aus der Shortstreet, der St.Bellstreet und der St.Mariastreet. Alle Strassenkinder. Ich hatte noch nie eine Freundin gehabt, ich kannte kaum einen Menschen aus unserer Strasse. Es war ein Montag und wir hatten schon um zwölf Uhr Schulschluss. Ich wollte nicht nach Hause gehen, denn die schule war mein einziger Zufluchtsort. Manchmal kamen Polizisten in die schule und nahmen ein paar Mädchen und jungen mit. Ich wusste damals nicht warum. Langsam schlenderte ich an diesem Mittag nach Hause. Carol sass in der Diele und spielte mit ihren Kieselsteinen. So leise wie möglich ging ich auf mein Zimmer und stellte die Tasche mit den Schulsachen in einen Ecken. Ich zog meine Schulkleider aus und zog die Jeans und ein T-Shirt an. Ich war sehr dünn und mein T-Shirt schlotterte an meinem Körper. Dann spürte ich, dass ich Hunger hatte und ging zu meiner Mutter, denn in dem Schrank in der Küche war nichts mehr. Sie sass auf dem Stuhl, wie immer. ,,Mum, darf ich etwas zu essen? ,fragte ich leise. Sie gab keine Antwort sie starrte nur mit einem leeren Blick durch mich hindurch. Sachte legte ich meine Hand auf ihre Schulter und fragte nochmals: ,,Mum, kann ich etwas zu essen haben? Sie rührte sich immer noch nicht. ,,Mum! Ich habe Hunger!, schrie ich schon fast. Jetzt hatte ich keine Geduld mehr, ich schüttelte sie an den Schultern und schrie immer wieder: ,,Ich habe Hunger! Hör mir mal zu!!! Ich will etwas zu essen!!! Jetzt reagierte sie. Sie sprang auf, verpasste mir eine schallende Ohrfeige und schlug immer wieder auf mich ein. ,,Dann hol dir doch etwas!!!, schrie sie zurück, du bist schliesslich genug alt. Du kannst für dich selbst schauen!!! Hilflos begann ich zu weinen, das hatte sie noch nie gemacht, warum schlug sie mich? So schnell ich konnte rannte ich das Treppenhaus hinunter und stiess mit Larry zusammen, doch ich nahm keine Notiz von ihm. Es interessierte mich nicht wohin er wollte und was er hier tat, ich wollte nur weg, weg von allem. Zu allem hinzu hatte es noch zu regnen begonnen. Ich rannte einfach, blind vor Wut. Meine tränen vermischten sich mit dem Regen. Irgendwo in einer Strassenecke sank ich ohnmächtig auf den Boden.
Ich wusste nicht, wie lange ich dagelegen war. Plötzlich spürte ich eine warme Hand auf meiner Wange. Mühsam öffnete ich meine Augen und sah in das Gesicht von Violet, einem etwa neunjährigen Strassenmädchen. Ich hatte sie schon oft in der schule gesehen, doch noch nie mit ihr gesprochen. "Annie!", stiess sie hervor, endlich bist du aufgewacht, ich dachte schon, du seist tot." "Hallo Violet", sagte ich tonlos, "ich bin nur ohnmächtig geworden. Mir gehts gut." "Okay.", sagte sie zuckte die schultern und ging davon. Kinder wie sie waren es gewöhnt elend, ja sogar täglich tote Menschen zu sehen. Bei uns in der Shortstreet gab es viele, die an der Drogensucht zugrunde gegangen waren. Ich blieb noch einen Moment liegen, dann setzte ich mich auf. Dann wollte ich mir die haare aus dem verschmutzten Gesicht streichen, da bemerkte ich plötzlich, dass ich Blut an den Händen hatte. Ich tastete nach meinem Hinterkopf, dort hatte ich eine Platzwunde. Vorsichtig stand ich auf und sah mich um. Ich war wohl in die St.Mariastreet gelangen und stand gerade vor Violets Haus. Plötzlich erinnerte ich mich wieder an alles, daran, dass meine Mutter mich geschlagen hatte, an den Zusammenstoss mit Larry auf der Treppe. "Larry!" , schoss es mir durch den Kopf und ich rannte die Strasse entlang, bis ich endlich zu unserem Haus kam. Bei dem Gedanken an Larry, hätte ich gerade wieder heulen können. Kurz vor der Haustüre verlangsamte ich meine schritte um mich zu beruhigen. Leise stieg ich die knarrende Treppe hinauf. Ich öffnete sachte die Türe und trat in die dunkle Diele. Carol sass ganz ruhig auf dem Boden. Ich atmete tief durch. Als ich gerade daran war meine Turnschuhe abzustreifen, hörte ich schreie aus dem Wohnzimmer. Früher wäre ich ins Wohnzimmer gerannt und hätte angefangen zu weinen. Ich wusste was dort vorging. Larry schlug meine Mutter solange, bis sie das tat, was er von ihr verlangte. Für einen kurzen Moment schloss ich die Augen. In den letzten zwei Jahren hatte ich gelernt wegzuschauen, so wie es hier alle taten. Doch Larry war immer brutaler geworden. Deshalb hatte ich begonnen wegzulaufen. Doch im Moment konnte ich das jetzt nicht, denn Carol brauchte mich. So leise es ging, schlich ich in die Küche. Ich drehte den Wasserhahn an und wusch mir das Blut von den Händen. Dann nahm ich ein Stoffetzen, machte ihn nass und drückte ihn auf die Platzwunde. Meine Hände zitterten, meine linke Wange brannte und ich war sicher, dass sie ganz rot war, doch da es bei uns keinen Spiegel gab, hatte ich keine Ahnung wie ich aussah. Ich wusch mein Gesicht mit dem eiskalten Wasser, das nur tröpfchenweise aus der Leitung kam. Dann ging ich in meine Kammer und warf mich auf mein Bett. Ich wollte einfach alles nur vergessen. Eigentlich wollte ich auch schlafen, aber die schreie waren zu laut, ich hörte meine Mutter immer wieder schreien: ,,Lass mich Larry!!! Lass mich einfach in Ruhe!!!" Darauf hörte ich wieder Larrys schmutzige Stimme rufen: ,,Nein Angela, du hast zu tun, was ich dir sage!!! Na komm schon..." Wiedereinmal gewann meine Wut gegen meinen verstand, ich sprang auf, lief ins Wohnzimmer hinein und schrie wütend: ,,Seid einmal still! Ich hasse euch!" Und das war ein Fehler. Larry, der bisher auf meine Mutter eingeschlagen hatte, kam mit wuchtigen schritten auf mich zu. Er stank nach billigem Whisky und Müll. Ich schaffte es gerade, seinem ersten Schlag auszuweichen, doch der zweite traf mich mitten in den Magen. Ich taumelte und fiel rückwärts auf den Boden. Meine Mutter lag auf dem rücken und hielt ihre dürren arme schützend über ihr Gesicht. Ich wusste nicht, was in Larry gefahren war, doch komischerweise hörte er auf zu schlagen und lallte: ,,Morgen bringe ich meine Tochter mit... wir ziehen hier ein..." Mein Herz machte einen Sprung. Larry, in dieser Wohnung? Er hatte eine Tochter? Doch ich wusste, dass ich ihn besser nichts fragen sollte, denn man wusste nie, wann er wider beginnen würde uns zu schlagen. Er torkelte aus dem Wohnzimmer und Sekunden später hörte ich die Türe ins Schloss fallen. Ich rappelte mich hoch und ging so schnell ich konnte in mein Zimmer. Es war besser, meine Mutter allein zu lassen. Ich hatte noch den ganzen Abend schmerzen von Larrys Schlag. Ich lag auf meinem Bett und weinte. Dann dachte ich über Larrys Worte nach. Wenn er eine Tochter in meinem alter hatte, vielleicht wäre sie ja noch nett. Aber so richtig glaubte ich Larry sowieso nicht, denn er hatte schon vieles gesagt und doch nicht getan. Doch diese Drohung machte mich ängstlich, Larry Tag und Nacht in dieser Wohnung, das würde eine Katastrophe geben. Als es dann dunkel wurde, schlief ich endlich, völlig erschöpft, ein. Ich hatte vergessen, den Wecker zu stellen und wachte deshalb erst gegen neun Uhr auf. Es war endlich wiedereinmal sonnig, ich zog schnell meinen kurzen, schwarzen Minijupe an, mein einziges elegantes Kleidungsstück. Darüber ein ziemlich kurzes, beiges Top. Diese zwei Kleidungsstücke waren mein ganzer stolz, ich hatte sie im Handarbeitsunterricht genäht. So gut wie es ging, kämmte ich mir mit den Fingern die haare. Dann ging ich in die Küche. Ich schaute wie gewohnt, ob Carol noch schlafe, aber sie war nicht da! Plötzlich kam mir in den Sinn, dass ich sie gestern nicht versorgt hatte und sie wohl noch in der Diele schlafen würde. Ich wusch mir mit dem eiskalten Wasser das Gesicht und trat dann in die Diele. Zuerst konnte ich gar nichts sehen, es war viel zu dunkel. Dann erblickte ich sie, auf dem Boden liegend, Sabber lief an ihrem Kinn hinab. Vorsichtig hob ich sie auf und trug sie in die Küche. Dort legte ich sie auf den Boden. Ich öffnete den Schrank und bemerkte, dass immer noch kein Brot und keine Milch da war. Ich hatte kein Geld, doch mein Magen schmerzte vor Hunger. Vorsichtig schaute ich durch den kleinen Spalt ins Wohnzimmer hinein. Meine Mutter sass da wie immer. Ich traute mich nicht, sie wieder nach Geld zu fragen. Also ging ich in mein Zimmer und durchsuchte meinen Schrank. In einer Blechdose fand ich neben zwei Briefmarken, einer Büroklammer, einem Zeitungsausschnitt einem Radiergummi, meinem Ausweis noch ein Fünfpfund Stück. Ich hatte gar nicht gewusst, dass ich diese Blechbüchse noch hatte, ich hatte sie mit etwa fünf Jahren einmal von unserer damaligen Putzfrau bekommen. Jetzt betrachtete ich sie, als wäre sie der grösste Schatz, den ich je gefunden hatte. Ich verbarg das Fünf-Pound Stück in meinen Händen und ging leise wieder in die Küche. Ich vergewisserte mich, dass Carol immer noch schlief, zog meine Turnschuhe an und ging aus dem Haus. Ich hatte beschlossen, an diesem Tag nicht in die schule zu gehen, da ich mich ja sowieso verspäten würde. Dafür wollte ich unbedingt einkaufen gehen. Am Ende der St. Bellstreet lag ein grosses Einkaufszentrum, es gehörte zwar zu der Chickenstreet, aber viele aus den Slums gingen dort einkaufen. Als ich aus dem Haus hinaus ins freie trat, kam mir frische Luft entgegen. Ich atmete tief ein und ging dann mit schwungvollen schritten die Strasse hinunter. Drei Jungen spielten Fussball, Mister Miller las friedlich seine Zeitung und ein paar Jungs und Mädchen standen grüppchenweise zusammen. Zum Glück war es heute ein warmer Herbsttag, sonst hätte ich wohl kalt gehabt in meinem Minijupe. Ein paar ältere Jungs pfiffen mir hinterher und Violet und ihre Schwester Jessica grüssten mich freundlich. Ich brauchte etwa eine Viertelstunde, bis ich bei "Haralds Shopping-Center" ankam. In diesem laden gab es praktisch alles, von den Babywindeln über Hundefutter bis zu Gartenzaun. Mit einem leicht mulmigen Gefühl betrat ich den Laden. Ich war schon fast ein Vierteljahr nicht mehr einkaufen gewesen, wenn wir einmal von irgendwo ein bisschen Geld hatten kauften wir gleich für ein paar Monate zu essen. Es war ein altmodischer laden mit drei Abteilungen. Eine für Food, eine für Haus und Garten und eine für Körperpflege. Ich war so glücklich über meine fünf Pfund, dass ich gleich in die Food-Abteilung eilte. Ich kaufte ein Schwarzbrot und eine Tüte Milch. Angespannt stand ich vor dem Regal mit den Süsswaren. Sehnsüchtig betrachtete ich die Schokoriegel, Kaugummipackungen und Pommeschips Säcken, wie lange hatte ich schon keine Schokolade mehr gegessen? Es war sicher über ein Jahr her. Ich hatte auch schon eine Ewigkeit keine Kaugummis mehr gekaut. Ich nahm einen Schokoriegel in die Hand, den ich schon als fünfjährige sehr gemocht hatte. Das Wasser lief mir im Mund zusammen. "Wie wäre es wenn...", dachte ich und drehte mich vorsichtig um. Es war kein Mensch zu sehen, ausser einer alten Oma, die das Katzenfutter studierte. Vorsichtig verbarg ich den Riegel in meinen Händen und schob ihn ganz unauffällig in meine Rocktasche. Ich hatte das Gefühl beobachtet zu werden und drehte mich schnell um. Doch es war niemand da. Mit einem mulmigen Gefühl ging ich weiter. Ich kam in die Abteilung von Körperpflege. Bisher fehlte uns immer das nötige Geld, um etwas zu kaufen. Mit einem sehnsüchtigen Blick streifte ich die Haarbürsten, das Schminkzeug und die vielen Shampoos. Wie gerne hätte ich mich einmal geschminkt oder mir die haare gewaschen. Neben dem Make-up entdeckte ich einen Spiegel. Ich traute mich erst gar nicht hineinzuschauen, doch dann wagte ich es. Was ich sah war verblüffend. Ich hatte bisher gar nicht gewusst, dass ich leichte locken hatte und ich hätte nie gedacht, dass mein Haar fast bis zum Gesäss reichen würde. Ich sah ein ebenmässiges Gesicht, eine schmale, gerade Nase, volle, schöngeformte Lippen und mandelförmige Augen, die von vielen, langen, dunklen Wimpern und schöngeschwungenen Augenbrauen umrandet waren. Zuerst dachte ich, dass das gar nicht mein Gesicht sein könnte, ich hatte mir immer vorgestellt, dass ich buschige Augenbrauen und ein fahles Gesicht hatte, so wie meine Mum. Meine Augen hatten, wie mein Lehrer gesagt hatte, eine leicht grünliche Farbe. Aus ihnen sprach unendliche Trauer und dennoch Bewunderung. Ich musste wohl ganz fasziniert und konzentriert gewesen sein, so dass ich gar nicht bemerkt hatte, dass jemand hinter mich getreten war. Ich drehte mich rasch um und blickte in das Gesicht einer älteren Frau. "Kann ich Ihnen helfen?", fragte sie mich in tadellosem englisch. "Äh, nein, es ist schon gut... ich wollte nur schauen...", stotterte ich verlegen. Die Frau lachte. "Sie haben nur so komisch ausgesehen... so hilflos... so, als ob sie ihr Gesicht zum ersten mal gesehen hätten...", meinte sie und lachte erneut. Es war ein schrilles, hohes lachen, das ich nicht gerne hörte. Die Frau hatte ja keine Ahnung, dass sie mit ihrer Vermutung fast genau ins schwarze traf. Ich nickte ihr noch mal zu, lächelte schüchtern und sagte leise: "Nein, nein, ich bin okay, danke." Dann ging ich schnell davon. Irgendwie machte mir die Frau einen unheimlichen Eindruck, ihre blondierten haare, die stechenden, hellblauen Augen, die rauchige stimme, das schrille lachen. Schnell ging ich zurück in die Food-Abteilung. Ich stand wieder vor das Süsswaren Gestell und schaute mir die Sachen an. Wieder blickte ich mich vorsichtig um. Ich hatte schon ein paar mal geklaut, aber noch nie in einem Shopping-Center. Meine Hand wurde wie magisch von der Kaugummipackung angezogen. Schnell schnappte ich danach doch in diesem Moment stand die Frau wieder vor mir. "Kann ich Ihnen jetzt behilflich sein?", fragte sie und meine rechte Hand, die immer noch das Kaugummipäckchen umklammerte, begann zu zittern. Ihre hellblauen Augen blitzten. "Ich...", stotterte ich, "wollte nur... ich meine... ich wollte sie fragen... ob es noch andere Sorten... von diesem Kaugummi gibt..." und ich streckte ihr das Päckchen vor die Nase. Sie schaute mich mit einem scharfen Blick, der mir das Blut in den Adern gefrieren liess, an und antwortete mir: "Schauen sie doch im Regal nach! Es gibt noch Kirsche und Erdbeere!" Ich legte die Kaugummipackung zurück und antwortete schüchtern: "Oh, diese Sorten mag ich nicht." Dann lief ich davon, aus dem Shop heraus auf die Strasse. Ich War so erleichtert, dass ich nicht erwischt wurde, dass ich gleich in meine Rocktasche griff, mich auf ein schmutziges Mäuerchen setzte und den Schokoriegel ass. Ich liess ihn ganz langsam im Mund zergehen, man kann sich gar nicht vorstellen, wie das ist, wenn man endlich wiedereinmal Schokolade essen kann, nachdem man jahrelang immer nur Brot mit Milch gegessen hatte. Die Chickenstreet war zwar nicht so arm wie die Shortstreet, die St.Mariastreet und die St.Bellstreet, aber sie war mindestens so schmutzig. Auf dem Boden lag Abfall, leere Colabüchsen und Kleiderfetzen. Ich war noch nie in einem anderen Teil der Stadt gewesen, als in diesen vier Strassen. Früher lebten wir in Birmingham, aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich genoss meinen Schokoriegel und verbat mir, ein Stück Brot zu nehmen, denn wenn ich wusste, dass ich viel Brot hatte, würde ich alles essen und nichts für Carol übriglassen. Es war etwa halb elf, so schätzte ich, als ich mich auf den Nachhauseweg machte. Ich fürchtete mich vor dem, was mich Zuhause empfangen würde und ging langsam. Ich traf wieder Violet und Jessica. Die beiden waren gerade am Gummitwist spielen. Jessica war etwa dreizehn und hatte strohblondes Haar und immer rote Wangen. Weil ich ziemlich glücklich für meine Verhältnisse war, grüsste ich sie. An einem normalen Tag grüsste hier niemand niemanden, denn allen ging es gleich schlecht, und niemand interessierte sich für die anderen, weil er selbst die grössten Probleme hatte. Um diese Zeit war es heiss geworden, die Pfützen waren verschwunden, mir lief der Schweiss den rücken hinunter. Wenn es hier einmal warm wurde, dann sehr, aber meistens war es sowieso kalt und regnerisch. Als ich vor unserem Haus stand und emporblickte, konnte ich nichts aussergewöhnliches entdecken. Im ersten Stock wohnten zwei Pensionisten, im zweiten wohnten wir und im Dritten ein junger Künstler. Ich betrat das Treppenhaus, es war wie immer. An die wand gelehnt waren stinkende, halb offene Müllsäcke, es stank fürchterlich. Die Müllabfuhr kam so gut wie nie, deshalb war die ganze Strasse voll von Müllsäcken. Als ich die Treppe hinaufstieg, lauschte ich angestrengt, ob ich nicht meine Mutter schreien hörte. Als ich nichts hörte, fiel mir einen Stein vom Herzen, denn keine schreie bedeuteten zugleich kein Larry. Leise öffnete ich die Türe, Carol schlief immer noch in der Küche und meine Mutter sass immer noch da. Ich nahm wieder den Teller aus dem Schrank und machte Frühstück für Carol. Dann setzte ich mich auf den Fussboden und spielte mit Carols locken. Ich fragte mich, ob ihr ihren Kopf nicht zu schwer war. Eigentlich war sie sehr hübsch, nur die Proportionalitäten stimmten nicht. Ihre Augen waren viel zu gross, dafür hatte sie eine kleine Stupsnase. Ich fragte mich auch, ob es ihr nicht langweilig war, so wie mir. Mich hatte die Langeweile oft viel mehr geplagt als der Hunger, sie war viel schlimmer, als wenn man Kopfweh hatte. Mir war sooft langweilig, dass ich oft einfach auf die Strasse gegangen bin und Leute beobachtet habe. Deshalb hatte ich wohl sehr gute Menschenkenntnisse und konnte mich oft auch Jahre später noch an Leute erinnern, die ich nur einmal gesehen hatte. Als ich so friedlich auf dem Fussboden sass, hörte ich plötzlich, wie die Türe aufging. Ich zuckte zusammen und sprang auf. Doch bevor ich die Diele erreicht hatte, hörte ich eine Mädchenstimme rufen: "Hallo? Ist hier jemand?" Ich rührte mich nicht vom Fleck und hoffte, dass meine Mutter nicht reagieren würde. Ich hörte wie das Mädchen oder die Frau hinein kam und etwas schweres abstellte. Dann trat sie in die Küche. Ich hatte mir ein vielleicht etwa vierzehnjähriges Mädchen vorgestellt, in schmutzigen Kleidern und mit fettigem Haar, so wie Larry es hatte. Doch das Mädchen das eintrat war ganz anders. Sie hatte ihre strohblonden Haare auf den Kopf toupiert, hatte hohe, kantige Wangenknochen die mit Rouge beschmiert waren und einen knallroten Mund. Ihre langen Wimpern hatte sie schwarz getuscht und sie benutze hellblauen Lidschatten. Dazu trug sie sehr kurze, hautenge Shorts und ein knappes pinkes Top. An den schlanken armen trug sie viele klimpernde Armreife und um den Hals ein goldenes Kettchen mit einem Herzanhänger daran. Ich musste sie wohl sehr komisch angeschaut haben, sie blickte auf mich nieder und sagte herablassend: "Was ist? Ist das eure Wohnung hier? Mann, überall dieser Schmutz! Habt ihr keine Putzfrau?" Jetzt war ich sprachlos. Was suchte diese Zicke hier? War es ihr nicht klar, dass es in Slums nur Schmutz gab und weit und breit keine Putzfrau? Mit schleppender stimme sagte ich: "Hi. Ich bin Annie. Ich bin hier die Hausfrau. Ich nehme an, du bist Larry Tochter." "Ja.", antwortete sie darauf, "Ich bin Larrys Tochter. Mein Name ist Mahara. Also, wo ist mein Zimmer?" "Entschuldigung", entgegnete ich, "hier gibt es keine Zimmer für gar niemanden. Mein Zimmer ist eine Abstellkammer und falls es dir noch nicht aufgefallen ist, wir wohnen in einem Slum!" Jetzt blieb ihr den Mund offenstehen. "Sag mal, wer bist du eigentlich, der Kaiser von China? Wie alt bist du überhaupt?" "Sechzehn und ich bin weder der Kaiser von China noch sonst wer.", antwortete ich. Sie lächelte hämisch. "Tut mir leid, ich bin leider schon siebzehn also bekomme ich das Zimmer! Und jetzt kannst du meine Tasche holen!" Als ich gerade etwas darauf erwidern wollte, kam Larry die Türe hinein. "Aha. Ihr habt euch ja schon bekannt gemacht. So Mahara, jetzt kannst du Annies Zimmer beziehen." Er sprach mit solcher Bestimmtheit, dass ich es nicht wagte zu widersprechen. Da ich den Eindruck hatte, dass er ausnahmsweise einmal nüchtern war fragte ich ganz leise: "Warum zieht ihr bei uns ein? Ich wusste gar nicht, dass du eine Tochter hast." "Man hat uns die Wohnung gekündigt, bis jetzt wusste ich auch nicht, dass es Mahara gibt. Sie wurde gleich nach ihrer Geburt zur Adoption freigegeben und kam in eine steinreiche Familie. Jetzt hat man rausgefunden, dass ich ihr Vater bin und hat sie zu mir geschickt.", meinte Larry und das war der vernünftigste Satz, den ich schon je von ihm gehört hatte. "Okay.", sagte ich nur und ging schnellstens in mein Zimmer. Dort hatte sich Mahara schon darangemacht, ihre Sachen auszupacken. Auf meiner kommode stand jetzt diverses Schminkzeug und in meinem Schrank hingen schon etliche elegante Kleider. So wie sie im Moment schien, mochte ich sie nicht, noch schlimmer, ich konnte sie nicht ausstehen. INFORMATION: Dies ist noch nicht das Ende der Geschichte, es geht weiter, ich arbeite noch daran. Es ist nicht gestattet, sie irgendwo zu veröffentlichen. Ich würde mich sehr freuen, wenn du mir schreiben würdest, wie du die Geschichte findest! Schreib mir doch, wie du die Geschichte findest!
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