EMINEM
Ein weisser Rapper, in der Welt des eigentlich schwarzen Raps- so wird Eminem
oft beschrieben. In seinem weissen Körper trägt er ein schwarzes Herz. Für
manche ist er ein Vorbild, für andere der Feind der Nation.
Eminem rapt, wie seine Plattenfirma stolz anmerkt, »die
denkwürdigsten und geistesgestörtesten Lyrics, die je aufgenommen wurden«.
Vor allem letzteres gereichte dem aufstrebenden Rapper bisher nicht gerade zum
Nachteil: Mit nur einem Song und dem dazugehörigen Video (»My Name Is«) wurde
aus dem kunstblondierten Küchengehilfen, der sich in einem schäbigen Lokal in
Detroit für fünfeinhalb Dollar die Stunde abrackerte, ein HipHop-Superstar.
Der 26-Jährige, der nach Ansicht mancher
US-Musikjournalisten »eher aussieht wie ein Mitglied der Boygroup N'Sync« und
bürgerlich auf den Namen Marshall Bruce Mathers III getauft ist, gehört(e) der
in den Staaten am meisten verachteten Gesellschaftsschicht an: dem so genannten
»Poor White Trash«. Dass die meisten Schwarzen und auch viele Angehörige
anderer ethnischer Minderheiten in relativer bis großer Armut leben, ist im
Bewusstsein der meisten Amerikaner Normalität. Als Weißer aber hat man
erfolgreich zu sein, mindestens dem gesicherten bürgerlichen Mittelstand
anzugehören, sonst ist einem die Geringschätzung seiner Zeitgenossen gewiss.
Marshall Mathers alias Eminem alias Slim Shady aber
wurde in Kansas City in ärmliche Verhältnisse geboren, seinen Vater hat er nie
kennengelernt, seine pillensüchtige Mutter zog mit ihm und seinem jüngeren
Bruder ständig von einem Ort zum anderen, bevor sich die Familie schließlich
in einer miesen, hauptsäch-lich von Schwarzen bewohnten Neighborhood von
Detroit niederließ. Der Bewunderer scharzer HipHop-Künstler ging vorzeitig von
der Highschool ab, wo er als Teenager regelmäßig zum Mobbing-Opfer geworden
war. Heute ist Eminem Vater einer fünfjährigen Tochter namens Hailie Jade, mit
deren Mutter er sich seit acht Jahren ständig verkracht und wieder versöhnt.
Sein erstes Soloalbum, das auf einem lokalen Indielabel
1996 veröffentlichte »Infinite«, fand kaum Beachtung. Doch im gleichen Jahr
stellte Marshall Mathers eine entscheidende Weiche zu seinem heutigen Ruhm, als
ihm eines Tages auf der Toilette die Idee zu seinem alter ego Slim Shady kam.
Entsprechend nannte er im Frühjahr 1997 ein Demoalbum mit acht Songs kurz und
knapp »Slim Shady EP«. Dieses Tape fiel dem HipHop-Paten Dr. Dre in die Hände,
der den weißen Burschen im Handumdrehen bei Interscope unterbracht, jener
Plattenfirma, die bei weißen Moralhütern wegen ihrer umstrittenen Superstars
Tupac Shakur und Marilyn Manson berüchtigt ist.
Eminems erste Single für Interscope, programmatisch »Just
Don't Give A Fuck« betitelt, wurde von einer der anerkanntesten HipHop-Koryphären
der Welt, DJ Craze aus Miami, als »eines der Underground-Highlights des Jahres
1988« gerühmt. Und seit das Video zur zweiten Single »My Name Is« im Januar
1999 von MTV Amerika ins Programm genommen wurde, befindet sich Eminem im Auge
eines Hurrikans: Sein Album »The Slim Shady LP« stieg Anfang März 199
sensationell auf Platz zwei in die US-Album-Charts ein. Seitdem wird Eminem von
seinem Management auf einer Non-Stop-Tour durch die Clubs, Konzert-hallen und
Plattenläden Amerikas gescheucht.
Dort wird der rotznasige Twen meist gefeiert, doch
andernorts stößt er inzwischen auf eisige Ablehnung: Timothy White etwa, der
Chefredakteur der einflussreichen Branchenzeitschrift BILLBOARD, beschimpfte das
Album in einem viel beachteten Editorial als frauenfeindlich und warf dem
HipHoppper vor, er verherrliche Gewalt und beute »das Leid der Welt aus, um
Geld zu verdienen«. Sprecherinnen sozialer Einrichtungen in den Staaten, allen
voran Kate Cloud von Respond Inc., einer Organisation, die sich um misshandelte
Frauen kümmert, gingen in ihren Angriffen noch wesentlich weiter. Für andere
ist Eminem dagegen schlicht »die Stimme der Habenichtse«, also ein Held.